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Museum für Computer- , EDV- und Kommunikationstechnik

EDV-Anlage der 2. Generation: BULL GAMMA 10

BULL GAMMA 10

BULL Gamma 10   EDV-Anlage

1963 brachte BULL (General Electric) den GAMMA 10 (G10) auf den Markt, der insbesondere für kommerzielle Anwendungen im Lochkartenverfahren gedacht war. Dies war der unmittelbare Nachfolger der Tabelliermaschine (mit oder ohne Gamma 3) und der erste von Bull selbst entwickelte Computer der 2. Generation. Angekündigt wurde der Rechner bereits im Oktober 1962, daher ist die Technik etwa auf dem Stand von 1961/62!
Im Gegensatz zu den Großanlagen benötigte der G10 nur einen ca. 20m² großen Raum, der nicht klimatisiert werden musste. Die Leistungsaufnahme beträgt maximal 2,5 kW.
Die Grundausrüstung besteht aus der Zentraleinheit mit Steuerpult, der Lochkartenlese-/Stanzeinheit und dem separaten Trommeldrucker. Der Arbeitsspeicher ist ein Kernspeicher der wahlweise 1 kB bis maximal 4 kB Kapazität hatte. Für die Programmierung stehen 59 unterschiedliche Grundoperationen zur Verfügung.
Die Zykluszeit des Kernspeichers beträgt 7 Mikrosekunden. Der Rechner kann gleichzeitig 300 Karten pro Minute lesen und stanzen. Entsprechend gigantisch ist das Stanzwerk. 5 komplette Lochkarten pro Sekunde zu stanzen ist eine beachtliche Leistung. Der Drucker schafft immerhin 300 Zeilen pro Minute (Zum Vergleich: Der Drucker unserer UNIVAC 9400 Anlage ist mehr als dreimal so schnell).

BULL GAMMA 10 ohne Verkleidung
BULL GAMMA 10 ohne Verkleidung

Gamma 10 ohne Verkleidung

Dieser Rechner zeichnet sich durch einen sehr ästhetischen, hervorragenden Aufbau aus. "Nackt", d.h. ohne Verkleidung wirkt er noch schöner als in der ersten Abbildung. Das gesamte Chassis ist in silbermetallic Hochglanzfarbe ausgeführt. Die Anordnungen der einzelnen Elemente sind klar, servicefreundlich und übersichtlich.
Wir mussten in der sehr umfangreichen Mechanik Zahnräder auswechseln, die eigens hierfür nachgebaut wurden. Auch waren viele elektronische Defekte zu beseitigen, was bei dem Umfang von knapp 500 Modulen (siehe Bild unten) alles andere als einfach war. Ohne die aktive Mithilfe von ehemaligen BULL-Technikern, die auf dieser Maschine andere Techniker ausgebildet hatten, wären die Chancen Fehler aufzuspüren praktisch Null. Jeder Fehler muss solange verfolgt werden, bis man das defekte Teil, meistens Transistoren, gefunden hat.
Mittlerweile funktioniert der Rechner wieder einwandfrei, was für einen so alten Computer wahrlich sensationell ist. Es dürfte weltweit der einzige Gamma 10 sein, der noch läuft. Dennoch treten immer wieder neue Fehler auf, die uns herausfordern. Aber nur so lernt man die Architektur des Rechners kennen.

Ausschnitt des Programmierer-Steuerpults

Das Steuerpult ermöglicht einerseits während der Programmabwicklung die Steuerung und Überwachung des Gamma 10, andererseits den einfachen Programmtest durch den Programmierer.
Das Bild zeigt einen Ausschnitt des Programmierer-Steuerpultes. Es dient dazu, den Programmablauf schrittweise durchzuführen, den Inhalt der Register, Vergleicher usw., sowie der verschiedenen Speicherstellen des Zentralspeichers abzulesen und schließlich Programmbefehle zu bilden und ablaufen zu lassen.
Alle Anzeigen sind mit den grün leuchtenden Miniaturröhren "DM 160" ausgestattet.

Typisches Modul

Unten ist das Bild eines typischen Moduls (insges. 570 Stück, ohne Drucker!) zu sehen. Auf der Grundplatine laufen die Leiterbahnen in Längsrichtung, auf den kleinen Platinen (Flip-Flop, Verstärker usw.) laufen die Leiterbahnen vorwiegend quer dazu. Fast alle Transistoren sind noch Germanium-Typen.
Die langsame Logik (u.a. der Kartensteuerung) wird von 573 Relais übernommen. Es war mutig, in einen Computer eine so große Menge Verschleißteile einzubeziehen.

Der GAMMA 10 wurde als relativ preiswerte EDV-Anlage offeriert. Wie bei der UNIVAC 9400 haben wir auch für die Gamma 10 eine originale Preisliste aus den Jahren 1968/69, einer Zeit, zu welcher das Modell bereits überholt war und mit Preisnachlass quasi "ausverkauft" wurde. Zentraleinheit mit 4 k Kernspeicher: 267.000,- DM (ca. 133.000,- €), Drucker 105.000,- DM (ca. 50.000,- €).

Während unser GAMMA 10 Rechner in einem sehr gutem Zustand ist, kann jedoch der Drucker wegen der fehlenden Elektronik nicht mehr verwendet werden. Daher steht bereits ein ANELEX Drucker (Series 5) aus dem Jahre 1965 bereit. Dieser Drucker war 1965 mit 1250 Druckzeilen pro Minute der schnellste Drucker der Welt. Für unseren Gamma 10 darf er ruhig etwas langsamer sein.

ANELEX Schnelldrucker

ANELEX Schnelldrucker, Series 5 mit offener Haube.

Im Prinzip passt dieser Drucker gut zur Gamma 10: Es ist wie das Original ein Trommeldrucker und die Schaltung ist ebenfalls mit negativer Logik (Germaniumtransistoren) aufgebaut. Auch Anelex verwendete einen Kernspeicher als Datenpuffer. Dennoch wird die Anbindung an den Bull-Rechner ein schwieriges Unterfangen. Der Pufferspeicher des BULL-Druckers befindet sich im Prozessor. Wir möchten diese Architektur nicht verändern und müssen daher mit Hilfe von Microcontrollern eine Anpassung vornehmen. In der Rubrik "Entwicklungsprojekte" werden wir darüber berichten.

Leider werden noch heute quasi historische Unterlagen (Manuals, Schaltpläne usw.) von uralt-Computern oft leichtsinnig entsorgt. Nicht so in der Stadt Wedel.
Um 1970 stand eine G10 in der Lochkartenabteilung der Stadtverwaltung. Der Rechner wurde aus Platzgründen schon vor langer Zeit entsorgt; doch die umfangreichen Unterlagen und Ersatzteile haben im Stadtarchiv überlebt. Frau A.R. knüpfte mit uns den Kontakt so dass wir die genau zu unserem Rechner passenden Unterlagen und Teile übernehmen konnten, die für uns eine wertvolle Hilfe sind. Dafür bedanken wir uns herzlich.
Dennoch suchen wir weiterhin das Handbuch für Programmierer (Gamma 10), sowie Manuals zum ANELEX Schnelldrucker.